Leupoldsgrün unter der Herrschaft der Reitzensteiner

Der Markgraf belehnte am 5. Mai 1683 Herrn Wolf Christoph Reitzenstein mit dem Rittergut Hartungs „samt desselben Zugehörungen”. Die Familie Reitzenstein begann tatkräftig mit der Beseitigung der Schäden, welche im Dreißigjährigen Krieg, 1692 waren in Hartungs die zerstörten Gebäude wieder aufgebaut oder renoviert. Die neu errichtete Brauerei nahm ihren Betrieb auf.

Als Patronatsherren sorgten die Reitzensteiner dafür, dass die Kirche in Etappen wieder hergestellt wurde. Am Neudorfer Weg errichteten sie eine neue Mühle, die vom Gut Hartungs günstiger zu erreichen war als die alte Mühle. 1713 standen neben dieser Mühle bereits zwei neue Häuser im Weiler Neumühl. Nach 1745 begann der Bau der Trüpfhäuser in Röhrsteig.

Zur gleichen Zeit entstand die Pfarrscheune samt Stall. Der Pfarrer lagerte darin die Abgaben der Bauern und hielt sein eigenes Vieh. 1763 wurde das jetzige Pfarrhaus erbaut. Zur Ausführung des Baues haben sowohl die Pfarrgemeinde als auch der Kirchenpatron reichliche Gaben geopfert. Da diese Spenden jedoch nicht ausgereicht haben, sammelte mit Genehmigung des Markgrafen, ein „Collekteur im Oberlande des Fürstentums” für das Leupoldsgrüner Pfarrhaus. Trotzdem musste noch ein erhebliches Darlehen aufgenommen werden.

Goldene Zeiten waren es damals nicht; auch die Herren von Reitzenstein mussten ihren Besitz mit Hypotheken im Werte von 5200 Gulden belasten.

1713 gehörten zum Hartungser Gut 95 ½ Tagwerk Dungfeld (3 Tagwerk = 1 ha), 46 Tagwerk Wiesen, 242 Tagwerk Wald und 13 Fischteiche. Dazu kamen noch 95 Anwesen der Lehensleute im gesamten Herrschaftsbereich der Reitzensteiner. Die Lehnsbriefe vermitteln uns einen Einblick in die Rechte und Pflichten der Menschen jener Zeit.

Zehn Bauern waren die „wohlhabendsten” Lehnsleute. Sie bewirtschafteten halbe Höfe; dies entspricht in etwa 20-27 Tagwerk, im Stall standen ca. 10 Stück Großvieh.

Als Beispiel für die Abgaben, welche die Bauern an ihre Lehnsherren abgeben mussten, mag der Lehnsbrief des Bauern „Johann Wolfrum auf'm Anger” dienen:

1. Eine Fastnachtshenne für die Herrschaft in Hartungs.

2. Der Leupoldsgrüner Pfarrer erhielt 30 Eier, eine Henne, zwei Käse, eine Weihnachtssemmel (= Kuchenleib von 6 Pfund); 1 Gulden, 5 Groschen, 3 Pfennige und die Hälfte des Zehnts

3. Dem Pfarrer in Selbitz stand die zweite Hälfte des Zehnts sowie 2 Tage düngen und 1 Tag ackern zu. Der Selbitzer Pfarrer war verpflichtet den Bauern an diesen Tagen mit „Pfarrerhausmannskost” zu verköstigen und das Futter für die Zugtiere zu stellen.

Die Mehrzahl der Bevölkerung wohnten als Dienstboten in 29 Trüpfhäusern, auch Tropfhäuser genannt. Diese Bezeichnung leitet sich daraus ab, dass das Hausrecht an der Tropfstelle der Dachrinne, der sogenannten Trüpf endet. Diese Gebäude waren in der Regel ca. 7 m lang und 6 m breit. Nur ein Wohnraum stand den meist kinderreichen Familien zur Verfügung; daneben lag der Stall. Meistens gehörten noch 1-2 Tagewerk Land zu diesen Häusern. Der Herr von Reitzenstein gestattete die Haltung von bis zu 2 Hühnern. Dies war damals ein Sonderrecht, da im allgemeinen den Inhabern solcher Anwesen die Hühnerhaltung untersagt war. Das musste reichen um zu überleben.

Trotz ihrer Armut mussten die Inhaber jährlich 2 Gulden an die Herrschaft zahlen. Zusätzliche Anordnungen legten die Arbeitstage auf den Feldern des Rittergutes und weitere Dienstleistungen fest. Dazu gehörten u.a. Nachtwächter- und Treiberdienste. Auf dem Lande gab es noch keine Post; daher mussten die Bewohner kleinerer Häuser den Transport der Briefe und Einkäufe für die Herrschaft besorgen. Botengänge nach Bayreuth und Kulmbach waren keine Seltenheit. Die Lehensbriefe enthielten gleichzeitig die Tarife für diese Dienstleistungen; z. B. aus dem Lehensbrief des Johann Mergner):

„ Er muss auch Botengehen, wohin man ihn schickt. Für eine Meile (zwei Stunden braucht man dazu) nicht mehr als ein Stücklein Brot und einen Trunk Bier. Wenn er aber über eine Meile gehet, für jede 6 Pfennig.”

Pro Mähtag zahlte der Herr neben der Kosten 2 Groschen. Bei gewöhnlicher Frohnarbeit verdiente ein Mann täglich 14 Pfennig, eine Frau jedoch nur 10 Pfennig.

Der Metzgermeister Simon Fließmann besaß damals das Leupoldsgrüner Wirtshaus. Seine Abgaben an die Herrschaft betrugen 12 Gulden. Schenkte er Bier aus der Hartungser Brauerei bekam er pro Eimer (= ca. 67 l) 2 ½ Groschen Nachlass, beim Ausschank von fremden Bier mißte er jedoch 1 Groschen Getränkesteuer an die Herrschaft abführen. Von jedem Sud der herrschaftlichen Brauerei empfing der Wirt ein Fässchen gratis. Jährlich lieferte ihm die Herrschaft 3 Klafter (= 9 m3 ) Holz frei Haus. Trüpfhäusern wies man Stöcke an, die sie selbst graben mussten. Andere „kleine Leute” durften nur Leseholz sammeln.

Zu den Pflichten des Hofschmiedemeisters Nicol Greßmann gehörte es, für den Lehnsherren einen Jagdhund zu halten. Sein Lehensbrief enthielt genaue Preisbestimmungen für das Beschlagen herrschaftlicher Pferde und Ochsen. 18 Pfennige standen ihm für „ein neues Eisen” zu.

Friedrich Greßmann, ”Becken zu Leupoldsgrün”, betrieb zu dieser Zeit neben seiner Bäckerei noch eine Branntweinbrennerei.

Die Lehnsbriefe verzeichneten noch folgende Berufe aus jener Zeit: Schreiner, Schneider, Weber, Fleichhacker, Zimmerer, Schuhmacher, Wagner und Müller. Alle Lehnsleute hatten im Gegensatz zum Mittelalter das Recht, ihr Anwesen zu verkaufen. Bei „Kauf-, Todes- und anderen Veränderungsfällen” mussten 10% des Gesamtwertes sowie Siegel- und Schreibgebühren an die Herrschaft entrichtet werden.

In der Schäferei des Rittergutes überwinterten 300 Schafe, während des Sommers stieg die Zahl auf 400 Tiere an. Nach geltendem Recht, konnte der herrschaftliche Schäfer von Michaelis bis zum 1. Mai die Herde überall in der Leupoldsgrüner Flur weiden. Dies führte zu ständigen Klagen der Lehnsleute; Viehfutter war damals Mangelware. Der „Kreuzstein von Föhrenreuth” erinnert an diese Auseinandersetzungen. Hier erschlugen verbitterte Bauern einen Schäfer und mussten als Sühne diesen Kreuzstein setzen. Im Jahre 1794 gaben die Reitzensteiner die Schäfereiauf. Als Ausgleich verlangten sie von ihren Untertanen ein „Trift- oder Hutgeld”, da je nach Größe der Feldflächen berechnet wurde.

Eine Spatzenplage suchte im Jahre 1746 unsere Gegend heim. Die Regierung befürchtete Ernteausfälle; der Markgraf erließ „das Spatengesetz”. Jeder halbe Hof hatte jährlich 10, jedes Trüpfhaus 2 Spatzen zu liefern. Zur Kontrolle „sind die Köpfe von den gefangenen Vögeln aufs Amt zu bringen”. Bei Nichtbefolgung drohte das Gesetz mit einer Strafe von 4 Kreuzern pro Spatz. Die Untertanen gingen äußerst gründlich ans Werk. Im Jahre 1797 musste der Spatz unter Naturschutz gestellt werden!

Das Taufregister von 1777 enthält folgenden Eintrag: „Johann Georg ist zu Lipperts geboren den 4 November; Vater: Georg Korn dermahlen als Soldat in Amerika; Mutter: Maria eine geb. Ziehrin”. Diese nüchternen Worte weisen auf eine der dunkelsten Seiten der Herrschaft der Markgrafenschaft hin.

In den Jahren von 1775 bis 1783 kämpften die Kolonisten in Nordamerika gegen den König von England für ihre Unabhängigkeit. Der englische König benötigte Verstärkung für seine Truppen und kauft für seine Armeen in Amerika unter anderem auch beim Markgrafen Karl Alexander mehrere Tausend Soldaten. Mit diesem Handel verdiente der Markgraf mehrere Millionen Gulden. Mit diesem Kontingent gelangte auch der Leupoldsgrüner Georg Korn nach Amerika. Frau und Sohn blieben unversorgt zurück. Über das weitere Schicksal des Herrn Korn liegen keine Informationen vor, auch ist nicht bekannt, ob noch weitere Bürger aus Leupoldsgrün nach Amerika deportiert wurden.

Leupoldsgrün wird preußisch

Markgraf Karl Alexander trat 1791 sein Land, und somit auch das Land um Leupoldsgrün,  gegen eine Abfindung an Preußen ab. Die neue Regierung ernannte Alexander von Humboldt zum Oberbergmeister in Franken. Mit der Wiederaufnahme des Erzabbaues versuchte man, die Wirtschaft anzukurbeln. Um 1800 entstand mitten im Stegholz das Bergwerk „Hoff auf Gottes Segen” in dem Eisenstein abgebaut wurde. Zwei Bürger aus Naila, die Besitzer der Schürfrechte, führten Beiträge an die Knappschaftskase ab, damit sorgte man für verunglückte Bergleute und deren Familien.

In der Nähe des Bergwerkes ließ der Kammerherr von Reitzenstein ein Wohnhaus für seinen Waldaufseher bauen. Dieser regelte die Holzabgabe an die Grube und erhielt den Auftrag Holzfrevel zu verhindern. Dieses Wohnhaus, heute Forsthaus genannt, bekam die Bezeichnung Stegenwaldhaus.

Eine königliche Verordnung aus dem Jahre 1798 hob das Lehnswesen über die Rittergüter auf. Hartungs wurde freies Eigentum der Reitzensteiner, die zu dieser Zeit bereits in Konradsreuth wohnten. 325 Gulden und 25 Kreuzer mussten jährlich, für das Rittergut Hartungs, an Steuern dem preußischen Staat entrichtet werden. Das Rittergut Hartungs wurde dabei auf einen Wert von 103 000 Gulden geschätzt. In der Folgezeit verlor das die Gut die Hälfte seines Wertes. Nur ein Teil der Gebäude standen noch, und diese waren in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Seit dieser Zeit bewirtschafteten Pächter und Verwalter das Gut. Heute wird es wieder durch die Familie Reitzenstein bewohnt

 

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